Für Jugendliche aus Deutschland, Frankreich und Polen, die Deutsch lernen, hat die Stiftung Genshagen in Zusammenarbeit mit dem Haus für Poesie, den Goethe-Instituten in Frankreich und Polen sowie wearedoingit e.V. im Herbst 2021 einen Schreibwettbewerb zum Thema "Nachbarschaft in Europa" ausgeschrieben. Die Aufgabe bestand darin, eine Novelle auf Deutsch  zu verfassen. “Die schöne Unbekannte” wurde von unserer Kommilitonin Yuna Larbi verfasst und eingereicht. Er wurde im Nachhinein von Sarah Berkaine, François Michel und Ulysse Bartolomey y Giuliani leicht redigiert.

 

SBF, FAM & UGI

SchreibWettbewerb der Stiftung Genshagen: "Die schöne Unbekannte " von Yuna Larbi

Ich heiße Nolan, ich bin zwanzig Jahre alt und werde bald die Volljährigkeit erreichen. Mein Leben befindet sich in Saint-Denis. Es ist ein multikulturelles Viertel, weder ein Armenviertel noch ein Villenviertel, weil es zwischen den beiden steht. Man kann hier über Kosmopolitismus als Strategie zur sozialen Integration sprechen. Dieses Jahr hat meine Familie beschlossen, am Nachbarschaftstag teilzunehmen. „Es ist ein Witz!“, dachte ich. Ich wurde von meiner Mutter gezwungen, mich daran zu beteiligen, denn mit Corona ist die Nachbarschaftsbeziehung nicht mehr dieselbe. Es geht darum, einen guten Eindruck zu hinterlassen und eine gute Beziehung zu unseren Nachbarn zu pflegen. Was für eine Idee! Ich hätte lieber mit meinen Freunden gespielt, oder wäre lieber die ganze Nacht durch die Straßen von Paris gestreunt. Dort lernt man überraschende Menschen kennen, zum Beispiel einen Fotografen, einen Rapper oder Leute, die Wände mit Graffiti besprühen. Nachts werden die Sehenswürdigkeiten beleuchtet, wie zum Beispiel die Haussmann-Boulevards sowie der Eiffelturm, der jede Stunde eingeschaltet wird. Wäre dies nicht eine bessere Erfahrung als ein Grillfest im Hof mit unseren Nachbarn? Meine kleine Schwester hingegen mag diese Idee. Sie heißt Tillan und ist zwölf Jahre alt. Es war der Stichtag, den 28. Mai 2021. Ich habe mein bequemstes Outfit angezogen. Einen dicken Pullover, eine Jogginghose und Sneakers. An diesem Tag wachte ich wie jeden Morgen durch den Wecker meines spanischen Nachbarn auf, der nie pünktlich aufsteht. Ich will nach oben gehen und ihn ausschalten. Himmel! Die Wände sind so dünn wie Zigarettenblätter. Nach dem Grillen wollte ich mit Freunden ausgehen. Ich kam mit meiner Familie an und fast alle Nachbarn waren mit Musik dabei. Es stimmt, es war festlich und außerdem war es das erste Mal, dass ein Mädchen meines Alters dabei war. Ich habe sie noch nie zuvor bemerkt, da ich abends sehr spät nach Hause komme, deshalb habe ich sie nie getroffen. Sie war wunderschön, hatte lockiges Haar, helle Augen mit Sommersprossen, die ihren Charme noch verstärkten. Sie trug auch einen dicken Pullover und eine Jogginghose. Meine kleine Schwester bemerkte, dass ich sie beobachtete. Sie schlug mir vor, mit ihr zu sprechen. Ich fasste mir ein Herz: ,,Hallo wie geht’s?“, mein Herz schlug schnell. Sie antwortet ,,Gut danke, wie heißt du?“.  So haben wir uns kennengelernt. Ihr Name ist Sarah und sie ist wie ich zwanzig Jahre alt. Ihr Vater ist Franzose und ihre Mutter ist Deutsche. Sie kommt aus Schwendi in Bayern und kehrt in den Ferien dorthin zurück. Die Atmosphäre war fröhlich, die Kinder spielten und liefen herum. Es gab englische, portugiesische und slawische Musik, es war für jeden Geschmack etwas dabei. Dies ermöglichte es uns ebenfalls,  mehr über die Menschen um uns herum zu entdecken. Seit dem Beginn von Corona sprechen die Menschen immer weniger miteinander. Restriktive Maßnahmen waren sehr schwer. Erst jetzt beginnen wir, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Die wahre Freiheit wird kommen, wenn wir die Maske abnehmen können. Ich habe mit Sarah über aktuelle Ereignisse gesprochen, aber auch über unsere Interessen. Ehrlich gesagt, haben wir uns köstlich amüsiert. Ich habe erfahren, dass sie an der IUT in Villetaneuse studierte, wo ich Freunde hatte. Sie war ein Mädchen, das viele Dinge analysierte. Unser Gespräch drehte sich um die Menschen in unserem Gebäude. Derzeit leben achtundzwanzig Personen in dem Gebäude. Viele leben als Paar und alle kommen aus verschiedenen Ländern. Sarah ist meine Nachbarin, über ihr wohnte ein englisch-schottisches Ehepaar, und beide sind weit weg von uns. Auf jeden Fall sind sie heute nicht gekommen. Wir haben auch mit Anna und Emé gesprochen, sie lebten zusammen in einer Wohngemeinschaft und stammen aus der Schweiz. Sie sind immer luxuriös gekleidet und es würde mich nicht überraschen, wenn sie in einer Modeschule wären. Sie hatten einen kleinen buschigen Hund, der die großen Hunde, die er traf, anbellte. Einige von den Anwesenden kamen aus den Balkanländern und es war schwierig für sie, die französische Sprache zu lernen oder einen Arbeitsplatz zu finden. Andere sind Einwanderer aus Griechenland, die vor den wirtschaftlichen Unruhen geflohen sind. Beiseite haben sie ein saftiges Gericht zubereitet. Moussaka ist lecker, ein Gericht aus Auberginen und Lammfleisch. Sarah sagte: ,,Und vergesst nicht die rumänische Oma aus dem fünften Stock. Sie braucht immer Hilfe beim Einkaufen.“ Ich erinnerte mich und behauptete: ,,Du hast Recht, sie ist auch sehr lustig!“. Wir könnten noch eine Menge Klatsch und Tratsch über die Bewohner des Gebäudes erzählen, aber es war schon spät. Der Tag ging so schnell vorbei. Es war etwa dreiundzwanzig Uhr. Plötzlich sagte ich: ,,Mist! Meine Freunde warten auf mich an den Quais der Seine, willst du kommen Sarah? Es werden viele Leute kommen und morgen ist Samstag“. Sarah lächelte und errötete. Wir haben uns in dreißig Minuten in der Halle verabredet. Ich habe Jeans und mein bestes Parfüm angezogen. Ich, Nolan, stand unter dem Bann. Es war eine Art Liebe auf den ersten Blick und ich habe mich noch nie zuvor so gefühlt. Sobald der Zeitpunkt der Verabredung gekommen ist, trafen wir uns wieder, beide mit unserem Navigo-Pass. Wir waren auf dem Weg nach Châtelet, das sich in Paris befindet, und wir nahmen die Metrolinien 13 und 14. Die Hauptstadt „Paris“ ist eine romantische Stadt, in der abends niemand schläft. Die Metros waren überfüllt und die Jungen waren bereits betrunken. Einige lachten laut, andere waren allein mit ihren Kopfhörern und einige Erwachsene verloren sich in dieser unförmigen Masse. Plötzlich wurde der Bahnhof leer und die Züge wichen sich gegenseitig aus. Man wollte schnell nach draußen gehen,  um die Musik zu genießen. Plötzlich hat die Stimmung sich verhärtet, weil man viele Menschen sah, die in Not waren. Wie üblich habe ich einem Mann, den ich oft sehe, und der aus der Slowakei kommt, eine Münze gegeben. Sarah schien sich zu freuen, den Abend mit mir zu verbringen. Ich war auch so froh. Nachdem wir durch die Straßen gelaufen sind, kamen wir schließlich zu den Kais, wo sich meine Freunde befanden. Es war schwierig, sie zu finden. Es  gab so viele Menschen aus der ganzen Welt mit unterschiedlichen Kleidungsstilen, von exzentrisch bis nüchtern. Es gab Pariser, Vorstädter, Ausländer, die zum Studieren oder Arbeiten gekommen sind, und Touristen. Schließlich habe ich auf einer Wiese Max meinen besten Freund gesehen, der mir zuwinkte. Ich habe Sarah allen vorgestellt und der Abend konnte endlich beginnen. Ich werde mich immer an diesen Tag erinnern und  muss auch meiner Mutter danken, denn ohne sie wäre ich nicht zum Nachbarschaftsfest gekommen und hätte Sarah nie getroffen…

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