grand entretien avec Katja Petrovic

Kultur – nur Mittel zum Leben oder Lebensmittel?

Katja Petrovic / ©Festival VO-VF, Le monde en livres (2020)
Katja Petrovic / ©Festival VO-VF, Le monde en livres (2020)

Katja Petrovic arbeitet als Journalistin in Paris für deutsche und französische Medien, besonders fürs Radio und Fernsehen. Sie veranstaltet Treffen für junge Literaturübersetzer:innen, Herausgeber:innen und Buchhändler:innen, die aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz stammen. Sie erhebt Anspruch darauf, die Rolle eines Bindegliedes zwischen den beiden Ländern zu spielen. Als Kulturvermittlerin zu arbeiten erlaubt ihr, gemäß ihrer eigenen Aussage, “dem deutsch-französischen Kulturaustausch Sinn zu geben“. Das folgende Interview entstand im Rahmen einer Visiokonferenz.

Asnières à Censier (AàC): In unserem Studium an der Universität interessieren sich viele für die deutsch-französischen Beziehungen, vor allem auf der kulturellen Ebene. Sie arbeiten unter anderem für das Bureau International de l’Edition Française, kurz BIEF. Können Sie uns erklären, worin Ihre Arbeit im BIEF genau besteht und an welchen Projekten Sie konkret arbeiten?

 

Katja Petrovic (KP): Ich arbeite im BIEF an zwei Programmen, die sich an sogenannte Verlagsmitarbeiter richten – Buchhändler:innen, Verleger:innen, aber auch Literaturübersetzer:innen. Das eine Programm organisiere ich gemeinsam mit der Frankfurter Buchmesse und mit Pro Helvetia, einer Schweizer Kulturstiftung. Es heißt “Paris-Frankfurt Fellowship” und richtet sich an eigentlich alle Berufe, die es im Verlagsbereich gibt. Dabei werden sieben deutschsprachige und sieben frankophone Teilnehmer:innen in einem Zeitraum über zwei Wochen mit dem Buchmarkt in Deutschland und Frankreich vertraut gemacht. Das funktioniert gut, weil die beiden Buchmärkte eng zusammenarbeiten und in vielen Aspekten vergleichbar sind.

Das zweite Programm, an dem ich arbeite, heißt “Goldschmidt-Programm”. Es richtet sich an junge Literaturübersetzer:innen in Deutschland, in Frankreich und in der Schweiz. Das Programm gefällt mir besonders gut, weil es den Teilnehmer:innen ermöglicht, in den Bereich einzusteigen – das ist nämlich gar nicht so leicht. Das liegt daran, dass es wenig Arbeit gibt, die sich viele Leute teilen wollen. Deswegen muss man genau wissen, wie man es anstellt. Wir sagen dann zum Beispiel jungen Literaturübersetzer:innen: Das hier ist ein Buch, das auf dem deutschen Markt eine Chance hat, und dass man den Verleger:innen anbieten kann. Ein Literaturübersetzer:innen muss ja nicht nur übersetzen, sondern einen genauen Überblick darüber haben, welche Titel gerade erscheinen und wo sich eine Übersetzung lohnt. Je besser man also die Verlagslandschaft kennt, desto mehr Möglichkeiten hat man.

Darüber hinaus arbeite ich auch als Kulturjournalistin im literarischen Bereich. Da stelle ich deutsche Autoren vor, die ins Französische übersetzt werden und umgekehrt.

 

AàC: Sind Sie als Journalistin selbstständig?

 

KP: Ja, als Journalistin bin ich freiberuflich. Das ist natürlich nicht ganz einfach, bringt aber auch viele Vorteile mit sich. Meistens bin ich unterwegs für deutsche und französische Medien, besonders fürs deutsche Radio und gelegentlich auch fürs Fernsehen.

 

AàC: Seit 2004 arbeiten Sie mit RFI und Arte als Journalistin zusammen und haben sich dabei auf Kultur und Literatur spezialisiert. Dennoch veröffentlichen Sie auch gelegentlich politische Zeitungsberichte. Gibt es für Sie eine feste Grenze zwischen den beiden Bereichen? Wie tief und in welcher Hinsicht denken Sie, dass Kultur mit politischer Macht bzw. mit politischen Strukturen verflochten ist?

 

KP: Kultur und Politik sind natürlich erst einmal ganz banal auf finanzielle Weise verbunden. Es hängt unglaublich viel vom Kulturhaushalt der Politik ab, zum Beispiel Subventionen und Förderungen. In Deutschland und Frankreich wurde die Buchbranche zum Beispiel während Corona unterstützt – zwar nicht ausreichend, aber doch mehr als in vielen anderen Ländern. Auf der anderen Seite ist es aber auch eine politische Entscheidung für Verleger:innen, welches Buch sie herausbringen - ob engagierte oder unterhaltsame Literatur -, und wem sie eine Stimme verleihen. Wenn ein Verlag Sachbücher oder auch geisteswissenschaftliche Bücher herausbringt, ist seine politische Positionierung natürlich ganz maßgeblich, also etwa, ob es ein eher rechts oder eher links orientierter Verlag ist. Grundsätzlich kann man sagen, dass Politik und Kultur hier absolut nicht trennbar voneinander sind.


AàC: Eine weitere Bemerkung zu dieser Frage der engen Beziehungen zwischen Politik und Kultur: Hervé Le Tellier hat eben für sein neues Buch L’Anomalie den Prix Goncourt erhalten. Der Autor galt schon vorher als arriviert. Kann man die Wahl der Jury kritisieren?

 

KP: Es ist schwer, das nicht zu kritisieren! Le Tellier ist natürlich ein toller Autor, das steht gar nicht zur Debatte. Aber man hat der Jury gerade wieder vorgeworfen, dass sie zu 90 Prozent aus etwas älteren, weißen Männern besteht, die ihren Freunden, die bei Gallimard und Seuil erschienen sind, diesen Preis zuschachern. Hervé Le Tellier ist jemand, der so einen Preis vielleicht nicht unbedingt braucht, jeder kennt ihn im Verlagsbereich und im Pressebereich. Deshalb ist es keine besonders mutige Entscheidung, auch, weil unter den vier Finalist:innen eine kamerunischerin Autorin war, die über Polygamie und Zwangsheirat in ihrer Heimat geschrieben hat. Dieser noch nicht so etablierten Autorin den Preis zu geben, das wäre ein politisches Statement gewesen.

 

AàC: Nur manche haben also Sichtbarkeit im kulturellen Bereich auf der nationalen Ebene: Diejenigen, die von ihren Beziehungen profitieren, aber auch, in den zentralisierten Ländern wie Frankreich, die Menschen, die von der kulturellen Zentralisierung in der Metropole profitieren.

Hingegen gibt es in Deutschland die Kulturhoheit der Länder und Kultur ist auch durch die föderale Struktur als Landschaft mit vielen Zentren besser verteilt. Was denken Sie dazu? Welche Ungleichheiten bleiben noch in Deutschland, und was wird dagegen getan?

 

KP: Petrovic: Frankreich ist ein zentralisiertes Land, politisch, gesellschaftlich, und kulturell eben auch. Ich weiß gar nicht, wie viele Theater es in Paris gibt, die ganze Verlagslandschaft ist auch so, es ist Wahnsinn. Wenn ich das meinen deutschen Kollegen sage, können sie sich das gar nicht vorstellen, dass die Verlage sich nicht nur in Paris konzentrieren, sondern in Saint-Germain. Es ist ein Stadtteil, wo eigentlich alle Verlage sitzen. Außerhalb von Paris gibt es eben viel weniger Verlage, Theater und so weiter. Das ist schon extrem. Und in Deutschland, das klar föderal strukturiert ist, ist das Angebot auch außerhalb der großen Städte viel größer, wobei das ja auch nicht immer so war. Zum Beispiel Essen im Ruhrgebiet, das war ja kulturell lange tot. Ich finde, da hat eigentlich der deutsche Staat ganz gut reagiert, dadurch dass sie Essen zur Kulturhauptstadt gemacht haben und einfach versucht haben, mit den Infrastrukturen, die es da gibt, diese ganzen leeren Zechen, diese ganzen stillgelegten Industriegebäude für kulturelle Veranstaltungen zu öffnen und dementsprechend das Publikum da heranzuführen.



AàC: Auf der internationalen Ebene hängt die Sichtbarkeit auch mit der Vorliebe des Lesepublikums und dem Herkunftsland des Autors oder der Autorin zusammen. Spüren Sie in Ihrer Arbeit, dass Kultur oft exklusiv ist, zum Beispiel wenn es in Deutschland für eine Übersetzung aus dem Französischen einfach kein Lesepublikum gibt?

 

KP: Ja und nein. Französische Literatur, die ins Deutsche übersetzt wird, wird mehr gelesen als umgekehrt. Es gibt also in Deutschland einen Markt und viele Leute, die interessiert sind und die entsprechenden Bücher auch kaufen. Aber wir sind natürlich immer noch in einer Nische, da muss man sich nichts vormachen. Dabei wird auch viel subventioniert, zum Beispiel mit Übersetzungsförderung. Es gibt auch Förderung für Kulturinstitute, zum Beispiel für das Institut Français oder das Goethe-Institut, die dann Autoren einladen können, um die Bücher zu promoten. Es reicht ja nicht, nur zu verlegen, sondern man muss die Leute auch darauf aufmerksam machen, was es schon gibt. Ich glaube, dass alles dafür getan wird, um diese Nische so groß und so stabil wie möglich zu machen.

 

AàC: Sie sagen, dass Übersetzungsförderungen dazu beitragen, Kultur mehr zu promoten und zu verbreiten. Stellt auch Internet eine Chance für die Kultur dar, vielfältiger zu werden, indem es als Plattform für integrative, grenzüberschreitende Projekte dient? Welche Gefahren sehen Sie? Kann man die schädlichen Wirkungen vermindern?

KP: Das ist eine wichtige Frage, die sich jetzt gerade stellt, während der Pandemie. Wir sind auf das Internet angewiesen. Der Beweis ist, dass unsere Arbeit sonst nicht stattfinden könnte. Und ich glaube, dass es natürlich nie Live-Veranstaltungen ersetzen kann. Das ist ganz klar, darüber muss man gar nicht erst diskutieren. Die Frage, die sich für uns gerade stellt, ist: Machen wir es auch so, im Internet, oder machen wir es gar nicht? Und da bin ich auf jeden Fall die erste, die sagt, wir machen es trotzdem und versuchen, es bestmöglich zu machen. Es ist daraus ja auch vieles entstanden: Man hat gelernt, mit diesen Medien umzugehen und es sind kreative Sachen dabei herausgekommen. Die Gefahr ist natürlich, dass jetzt Geldgeber:innen sagen: Es geht ja alles auf Zoom, da muss man jetzt nicht irgendwelche deutsche Verleger:innen nach Frankreich holen.

Aber klar, Internet ist immer ein zweischneidiges Schwert, nicht nur in der Kultur. Einerseits hat es zur Demokratisierung beigetragen. Wir können uns alle nicht mehr vorstellen, dass wir nicht mit einem Klick nachschauen können: „Diese deutschen Titel sind ins Französische übersetzt und andersrum.” Wir haben so einen unglaublichen Zugang zu Wissen und können davon jeder auf seine Weise profitieren.

Aber andererseits wissen wir auch, was Internet für Probleme bereitet: Dass man viel zu viel Zeit damit verbringt, etwa in sozialen Netzwerken. Für mich als Journalistin ist das ein ganz großes Thema. Was kann man dort Sinnvolles tun? Es ist schwierig, sich in diesen unbegrenzten Möglichkeiten, die Internet uns bietet, nicht selbst zu verlieren. Dafür muss man sich die Frage stellen: Wie nutze ich dieses Medium so sinnvoll und wenig zeitfressend wie möglich?


AàC: Stichwort digitalisierte Welt: Wo sind die Grenzen der Kultur? Gehören z.B. Videospiele noch zu dem, was man Kultur nennen würde? Wer hat die Deutungshoheit darüber?

 

KP: Ich glaube, das muss vor allem jeder für sich entscheiden, wo da die Grenzen sind. Klar, wenn man Politiker:in ist, dann muss man genau abstecken, welche kulturellen Bereiche man fördern will: Wie viel Geld gibt man dem Videospielsektor, dem Filmbereich, dem Literaturbereich? Ich möchte ehrlich gesagt nicht in der Rolle derer stecken, die das entscheiden müssen. Aber wo fängt Kultur an, wo hört sie auf? Einige meiner Freund:innen übersetzen auch Videospiele. Sie sagen, das sind sehr kreative Sachen, die da graphisch laufen, und da werden auch tolle Geschichten erzählt. Ich kenne das einfach nicht, aber ich werde nicht sagen, das gehört nicht zur Kultur, da es mich nicht persönlich interessiert, oder weil es vielleicht eine Nische ist. Ich glaube, je toleranter, je offener man ist für alles, was kreative Leute anbieten können, desto besser ist es eigentlich. Damit fahren alle gut.

Die Debatte um “Hochkultur, ernste Kultur, Unterhaltungskultur“ spielt natürlich weiterhin eine Rolle. Man denke an die Comic-Debatte zum Beispiel in Deutschland: Ist das ernstzunehmende Literatur, oder ist das nur Komödie? In Frankreich dagegen ist der Comic ganz groß: “La BD, le septième art“. Das wird in Deutschland wahrscheinlich nie der Fall sein. Aber trotzdem hat sich das ein bisschen gewandelt und ich finde, dass es in die gute Richtung geht, dass es gut so ist.

 

AàC: Inwiefern gibt es eine ökonomische und eine politische Demokratisierung von Kultur?

KP: Kultur ist durch das Internet, aber auch durch Kulturvermittler:innen immer mehr Leuten zugänglich geworden. Und das ist natürlich eine fantastische Entwicklung und ich hoffe, es wird weiterhin so bleiben. Gerade stellen wir uns die Frage: Welchen Platz wird die Kultur jetzt einnehmen in dieser Krise, die heftig ist, die heftig wird? Ich habe wirklich Angst davor, was jetzt und auch in den nächsten Jahren kommt.

Wir wissen jetzt schon, dass die Arbeitslosigkeit explodiert, die Armut explodiert. Welchen Stellenwert hat Kultur dann? Und da wurde von Kulturschaffenden schon Alarm geschlagen, als sie gesagt haben: “Ja, ‘Deutschland Kulturnation’: Wo sind jetzt die Hilfen?” Die Unterstützung für die freischaffende Kunst reicht nicht aus. Was soll aus Theatern werden, wenn sie monatelang geschlossen bleiben, und so weiter und so fort.

Auf der anderen Seite werden sich viele gerade jetzt bewusst, welchen Stellenwert Kultur für sie hat. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber was ich im Moment am liebsten mache, ist lesen, einfach weil ich merke, ich brauche diesen kulturellen Impuls. Aber auch die Museen sind zum Beispiel sehr kreativ oder die Theater. In Paris gibt es ein Theater, als es geschlossen wurde, da haben die Schauspieler:innen gesagt, dass die Leute einfach anrufen sollen, und dass sie den Theaterstück vorlesen würden, am Telefon, natürlich auch mit kurzen Fragen: “Wie geht’s Ihnen? Wie kommen Sie klar mit der Krise?”, und dann Gedichte vorlesen oder Chanson-Texte oder so. Genau so etwas brauchen wir. Von daher glaube ich, das geht den meisten Leuten so, und Kultur wird irgendwie immer weiter gehen. Die Frage ist nur, welchen Stellenwert bekommt sie in einer solchen Krisensituation?

Demokratisierung der Kultur ist ein Riesenthema. Zum Beispiel diese ganze Debatte, die wir jetzt hatten mit den Buchläden in Frankreich. Warum werden Buchläden geschlossen? Ist es wichtiger, eine Flasche Wein zu kaufen als ein Buch? Es ist schön, dass die Krise auch für Solidarität sorgt, und dass die Leute sagen, “Nein, es ist nicht wichtiger, eine Flasche Wein zu kaufen”. Das Buch ist genauso wichtig wie Lebensmittel, es hat den gleichen Stellenwert. Darauf ist auch die Regierung eingegangen, und sie haben die Buchhandlungen wieder aufgemacht. Das Positive an solchen Krisen ist, dass Bewusstsein für so etwas geschaffen wird: Dass es nicht selbstverständlich ist, dass alles einfach so zu unserer Verfügung steht, sondern dass wir es erhalten müssen.

 

AH, PH, SM, AW

Photos : rédacteurs•rices et Katja Petrovic, interview le 01/12/2020